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Flüsse und Brücken prägen das Stadtbild von Matanzas. Kinder spielen unter der Puente Calixto Garcia im Rio St. Juan. |
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Überall findet man das Emblem der »Krokodile«. Der Ruhm des Baseballteams ist jedoch längst verblasst. |
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Matanzas ist eine Industriestadt. Das Schiff wird mit Dünger beladen. Außer einer Düngerfabrik gibt es noch ein großes Kraftwerk und eine Zementfabrik. |
Warum Matanzas?
»Matanzas ist eine der uninteressantesten kubanischen Provinzhauptstädte« – so urteilt im Originalton ein renommierter deutscher Reiseführer. Kein Weltkulturerbe wie 100 Kilometer weiter westlich in Havanna, kein karibisches Strandparadies wie 40 Kilometer östlich bei Varadero. An der Bucht von Matanzas mit dem geschützten Hafen liegt einfach nur das schäbige Zentrum einer grauen Industriestadt. Kaum sonst in Kuba sind Straßen und Kanalisation so heruntergekommen. Viele Häuser gleichen Ruinen, kaum zu glauben, dass jemand darin wohnt.![]() |
Trostlose Ecken findet man in jeder kubanischen Stadt, doch Matanzas wirkt besonders heruntergekommen. |
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Katalanische Kolonialisten bauten die Iglesia de Montserrat hoch über der Stadt. Von hier hat man einen tollen Ausblick über die Bucht von Matanzas und das Yumurital. |
Athen in Kuba
So bescheiden das Image von Matanzas aus touristischer Sicht auch sein mag: Kein Führer vergisst zu erwähnen, dass die Stadt den stolzen Titel »Atenas de Cuba« trägt. Theater, Bibliothek, höhere Schule, eine philharmonische Gesellschaft zogen im 19. Jahrhundert Dichter und Musiker an. Intellektuelle und Künstler blickten hochmütig auf die Hauptstadt Havanna herab. Was hatte Matanzas, dass selbst Havanna daneben verblasste?Die Glanzzeit von Matanzas begann Mitte des 19. Jahrhunderts und dauerte bis etwa 1920. Das entspricht recht genau dem Leben von Miguel Faílde. Der begnadete Musiker wurde 1857 geboren und starb 1921.
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Das Casino Español, einer der kulturellen Brennpunkte. Hier wurde die erste Danzonette uraufgeführt, eine Weiterentwicklung des Dazóns. |
Die Erfindung des Danzón
Am 1. Januar 1879 führte Miguel Faílde im Liceo von Matanzas den ersten Danzón der Weltgeschichte auf. Seine Komposition »Las Alturas de Simpson« benannte er nach einem Viertel, in dem die Schwarzen von Matanzas wohnten. Im Danzón verband Miguel Faílde europäische Gesellschaftstänze und klassische Musik mit Elementen aus afrikanischen Traditionen. Auf diese Weise schuf er ganz bewusst eine neue, genuin kubanische Art zu musizieren und zu tanzen.![]() |
Vor der Kathedrale gibt es ein schönes Plätzchen zum Ausruhen und außerdem: kostenloses Wlan. |
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In den Ediciones Vigia an der Plaza de Vigia werden Bücher in kleinen Auflagen mit der Hand hergestellt und für 10 bis 20 CUC verkauft. |
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Blick von der Dachterrasse unserer Unterkunft bei Mandy in die Calle Santa Teresa Richtung Innenstadt. |
Ein Marketing-Genie in Matanzas
Wir wohnen am Rand des Pueblo Viejo zwischen dem Flüssen Yumuri und St. Juan. Die Altstadt liegt nur knapp über dem Meeresspiegel. Sei es, dass die Flüsse durch das Meer zurückgestaut werden, sei es die marode Kanalisation, immer wieder zwingen uns überschwemmte Straßen zu Umwegen. Das Haus unseres Gastgebers Amando, genannt Mandy, steht in der Calle 290. Wie überall hat man auch hier nach der Revolution die Straßen recht willkürlich umbenannt. Die Einheimischen ignorieren das, für sie heißt die Calle 290 nach wie vor Santa Teresa.![]() |
Gemüseverkäufer in der Santa Teresa. Mit seinen Schubkarren muss er immer dem Schatten hinterherwandern. |
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Die neoklassizistische Feuerwehr an der Plaza de Vigia ist eines der schönsten Gebäude in Matanzas. |
Altstadt – das Pueblo Viejo
Matanzas hat heute 120 000 Einwohner. Die Stadt geht auf eine Keimzelle an der Placa de Vigia zurück. Dort siedelten sich im Jahr 1693 dreißig kanarische Familien an. Entscheidend für die Gründung war natürlich der Hafen. In der Bucht von Matanzas wurde Rindfleisch für die spanische Flotte umgeschlagen und Salz aus den Salinen der Halbinsel Hicacos (Varadero) verschifft, das für die Konservierung unentbehrlich war.![]() |
Das Zahnrad einer Zuckermühle erinnert daran, wo einst der Reichtum der Stadt herkam. |
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Die Puente Calixto Garcia über den Rio St. Juan verbindet Alt- und Neustadt. |
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Ritualtrommeln mit afrikanischen Wurzeln. Im Castillo de San Severino endete einst die Reise aus Afrika. Hier hat man das Museo de la Ruta des los Esclavos eingerichtet. |
Versalle – die afrikanische Seele von Matanzas
Während im Süden der Fluss St. Juan Pueblo Viejo und Pubelo Nuevo trennt, führt im Norden die Brücke Puente de la Concordia über den Fluss Yumuri in den Stadtteil Versalles. Hier schlägt das afrikanische Herz von Matanzas. Tausende und Abertausende Sklaven schufteten auf den Zuckerrohrplantagen. Manche konnten sich von ihren Herren freikaufen, manche wurden auch freigelassen. Abgeschafft wurde die Sklaverei in Kuba sehr spät, erst im Jahr 1886. Viele ehemalige Sklaven ließen sich im Stadtteil Versalles nieder. Während wenige Schritte über die Brücke im Pueblo Viejo das »Athen Kubas« blühte, organisierten sich die Schwarzen in Bruderschaften, sogenannten Cabildos, und verehrten die alten Götter, die sie in ihren Herzen aus Afrika mitgebracht hatten. Die Anfänge der Cabildos lassen sich bis 1808 zurückverfolgen. In diesem Milieu entstand in der Zeit um 1895 die Rumba. Um Missverständnissen vorzubeugen: Rumba hat wenig bis gar nichts mit dem zu tun, was wir in Mitteleuropa in der Tanzschule lernen. In Kuba versteht man darunter eine Reihe von Musik- und Tanzstilen (am bekanntesten Yambú, Guaguanco, Columbia), die ganz besonders stark afrikanisch geprägt sind.![]() |
Nicht weit von der sehenswerten neoklassizistischen Iglesia de San Pedro Apostol in Versalles liegt der Hersheybahnhof. |
Seit 100 Jahren Hershey
In Versalle liegt eine Endstation der Hersheybahn, der einzigen elektrischen Eisenbahn Kubas. 1916 baute die Hershey Chocolate Company aus Pennsylvania/USA eine große Zuckermühle auf halbem Weg zwischen Havanna und Matanzas. Bis zur Revolution 1959 hieß das Unternehmen Central Hershey, dann wurde es verstaatlicht und in Camilo Cienfuegos umbenannt. Hershey ließ 135 Kilometer Gleise verlegen, erst nur für Dampfloks. Doch schon sehr früh ab 1919 wurde die Strecke elektrifiziert.2002 musste die Zuckermühle mangels Rentabilität ihren Betrieb einstellen. Aber die altersschwachen Triebwagen der Hersheybahn, die Generationen von Arbeitern zu den Arbeitsplätzen in der Zuckermühle und auf den Plantagen brachten, fahren immer noch. Für die strukturschwache ländliche Gegend, in der sonst nur Camiones auf schlechten Straßen verkehren, ist die Bahn nach wie vor ein unverzichtbares Transportmittel.
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Eisenbahnbrücke zwischen Pueblo Viejo und Versalles über den Yumuri. |
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Der Hersheybahnhof ist das blaue Gebäude im Hintergrund. Auf den Rasenflächen davor Pferde. |
Ausflug ins Yumurital
Der Elektrozug fährt auf seinem Weg von Versalles Richtung Havanna durch eine der schönsten Kulturlandschaften Kubas, nämlich das üppige, grüne Yumurital. Unser Plan ist, mit der Bahn bis zur etwa zwei Stunden entfernten stillgelegten Zuckermühle zu fahren und dort die »Jardines de Hershey« zu durchstreifen. Die einst vom Schokoladenkönig Milton Hershey (1857 bis 1945) angelegten Gärten sind heute verwildert und sollen äußerst reizvoll sein.![]() |
Eine üppige grüne Vegetation und viele Königspalmen sind charakteristisch für das Yumurital. |
Doch ausgerechnet der Zug um 12 Uhr fällt an beiden Tagen aus, die uns noch in Matanzas zur Verfügung stehen. Neuer Plan: Da der Zug um 16 Uhr fährt, kaufen wir für 80 Centavos Karten nach Mena, das etwa eine Viertelstunde Fahrtzeit von Matanzas entfernt im Yumurital liegt. Von dort wollen wir die fünf Kilometer gemütlich in die Stadt zurücklaufen. Der Zug wird sehr voll, viele warten schon seit 12 Uhr am Bahnhof. Mit ziemlicher Verspätung und einigem Getöse setzt sich der Triebwagen endlich in Bewegung und bringt uns glücklich nach Mena. Als wir dort aussteigen, finden wir uns in einer vollkommen friedlichen Landschaft wieder.
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Besonders am Abend herrschte im Yumurital die meiste Zeit vollkommene Stille. |
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Dschungelartige Vegetation an den Ufern des Rio Canimar. |
Paradies am Rio Canimar
Etwa acht Kilometer östlich der Stadt mündet der Rio Canimar in die Bucht von Matanzas. Die Küstenstraße Via Blanca überquert auf dem Weg nach Varadero den Fluss auf der 65 Meter hohen Brücke »Puente Guiteras«. Entlang den Ufern des Canimar erstreckt sich dichte, dschungelartige Vegetation. Die herrliche Natur erkundet man am besten auf dem Fluss. Von Varadero und sogar von Havanna aus werden viele Ausflüge angeboten, die allerdings zum Teil recht teuer sind. Direkt unterhalb der Brücke kann man Boote mieten.![]() |
Camping auf kubanisch: In den Hütten des Campismo am Rio Canimar findet man im November keine Gäste. |
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La Arboleda: Hütten und ein Restaurant im Ranchonstil, am Ufer Ruder-, Tretboote und Kajaks zum mieten. |
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Stellenweise ragen am Ufer des Rio Canimar Kalkfelsen bis zu 90 Meter in die Höhe. |
Paradies am Fluss: La Arboleda
Beim Eintritt werden fünf Pesos fällig, doch wir bekommen einen Gutschein von drei Pesos für den Verzehr. Das reicht schon fast für das Mittagessen in dem einfachen und preiswerten Restaurant im Ranchonstil, wo im Freien gekocht und gegessen wird. Wir treffen am späten Vormittag ein und haben erst mal das ganze Naturschutzgebiet für uns alleine. Später kommen noch einzelne weitere Besucher, alles Kubaner, meist Familien.![]() |
Man fühlt sich wie am Amazonas: Vögel, Fische, Wasserpflanzen. |
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Fischer, die bis zur Hüfte im Wasser stehen. |
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Abschied von Matanzas. Am Busbahnhof kaufen wir fritierte Chicharos. Der Verkäufer winkt, als unser Bus nach Havanna startet. |
Interessanter Bericht, der Lust auf Urlaub macht. Und die Fotos erst. Toller Artikel!
AntwortenLöschenDas Lob freut mich natürlich sehr. Weitere Posts zu Reisen nach Kuba, Costa Rica und Mexiko veröffentliche ich inzwischen nicht mehr bei Blogspot, sondern auf hive.blog. Bei Interesse einfach mal schauen unter:
Löschenhttps://hive.blog/@mapetoke